Systemische Familientherapie

Leitideen

Systemische Therapie versteht sich als eigenständiges psychotherapeutisches Verfahren, und ist der Oberbegriff für eine Vielzahl von Ansätzen und Modellen, die sich aus der Paar- und Familientherapien heraus entwickelt haben. Neben der zunächst analytisch orientierten Familientherapie und später der entwicklungsorientierten Richtung (Virginia Satir) traten die auf die Forschergruppe um Gregory Bateson zurückgehenden systemischen Schulen in den Vordergrund. Mit dem Begriff „systemisch“ weist die Familientherapie über den Bezugsrahmen Familie hinaus und stellt Zusammenhänge zur allgemeinen Systemtheorie her. Als Weiterentwicklung der Familientherapie stellt sie auch die einzeltherapeutische Arbeit in einen interaktionellen Kontext.

In die theoretische Diskussion sind in den letzten zwei Jahrzehnten Modelle aus der Biologie, Soziologie, Biokybernetik, Kommunikations- und Erkenntnistheorie eingeflossen.

„Systemisches Denken“ umfasst heterogene Denkansätze aus verschiedenen Disziplinen, deren Gemeinsamkeit der nichtreduktionistische Umgang mit Komplexität ist, wie Allgemeine Systemtheorie, Autopoiesetheorie, Kybernetik (2.Ordnung), Synergetik, Kommunikationstheorie, Konstruktivismus, sozialer Konstruktionismus, Theorie der Selbstreferentialität, der Selbstorganisation und dynamischer Systeme, Chaostheorie usw.

Konzepte wie Zirkularität, Autonomie und Selbstorganisation von Systemen fordern zu einem Umdenken heraus. So steht der Annahme linearer Kausalität mit ihrer Forschung nach Ursachen in der systemischen Betrachtungsweise das Konzept der Zirkularität gegenüber. Danach kann in komplexen Prozessen keine Unterscheidung zwischen „Ursache“ und „Wirkung“ getroffen werden. Die Frage nach dem „Wie“ wird wichtiger als nach dem „Warum“ von Verhaltensweisen. Veranschaulichung und Veränderung von Kommunikationsstrukturen sind ein wesentliches Ziel systemorientierter Psychotherapie.

In den 80er Jahren vollzog sich ein weiterer grundlegender Wandel. Entscheidenden Anteil daran hatte die Erkenntnislehre des radikalen Konstruktivismus (H. von Foerster, E. von Glasersfeld). Das Individuum wird nun als „Konstrukteur“ seiner sozialen Realität begriffen. Die therapeutische Aktivität richtet sich auf das Verstehen und die Auseinandersetzung mit dem Sinn dieser Konstruktionen. Einen wichtigen Impuls lieferte die Kybernetik zweiter Ordnung, die die Frage aufwirft, wie Realität durch Beobachter (z.B. ) miterzeugt wird. Sie schließt die Situation des Beobachters in der Konstruktion der beobachteten Wirklichkeit ein und befasst sich vor allem damit, wie Erkenntnis gewonnen wird. Erkenntnis wird als beobachterabhängig verstanden. Es geht nicht mehr um zielgerichtete Veränderung von „objektiv beobachtbarem Verhalten“ und Symptomen, sondern um eine Veränderung der subjektiven Sichtweisen der Familienmitglieder und des Psychotherapeuten in Hinblick auf den präsentierten Leidenszustand. Der Schwerpunkt der therapeutischen Aufmerksamkeit verschiebt sich von der Analyse und Diagnose „pathologischer“ Vorgänge hin zur Berücksichtigung persönlicher und familiärer Ressourcen.

Vor diesem Denkhintergrund werden Menschen als autonom betrachtet, die füreinander in sozialen Interaktionen grundsätzlich undurchschaubar bleiben. Sie werden als weder vollständig erfassbar, noch beliebig veränderbar bzw. instruierbar verstanden.

Modelle systemischer Psychotherapie

Zwei für die Praxis richtungweisende Anstöße kamen aus den USA. Die Arbeitsgruppe um Steve de Shazer in Milwaukee entwickelte ein stark lösungsorientiertes Modell systemischer Kurztherapie. Schwerpunkt der therapeutischen Gespräche liegt in der Konzentration auf die klare Formulierung von Therapiezielen, Beschreibungen von Situationen und Verhaltensweisen, in denen das Problem nicht auftritt (Ausnahmen) und an denen Veränderungen erkennbar wären. Der Fokus ist auf die gewünschte Zukunft gerichtet, auf Möglichkeiten, wie Menschen ihr Leben verändern können, um ihre Ziele zu erreichen.

Das Team um Harry Goolishian und Harlene Anderson präsentiert ein auf Bedeutungsgebung durch Sprache aufgebautes („narratives“) Verständnis von Psychotherapie. Unter der Prämisse, dass Wahrnehmungen, Kommunikationen, Interpretationen und Erklärungen an der Erzeugung menschlicher Probleme wesentlich beteiligt sind- sie erzeugen das „Problemsystem“-, gilt es in der Psychotherapie diese Bedeutungsgebungen und Kommunikationen über das Problem zu verändern. Das im Diskurs zwischen Psychotherapeut und Klient entstehende und sich verändernde Narrativ- die neue Ich Geschichte- ermöglicht ein anderes Verstehen, neue Gewichtungen und damit neue Handlungsspielräume.

Systemische Praxis fokussiert darauf, wie Mitglieder sozialer Systeme über Handlungen und Sprache Wirklichkeiten erzeugen und diese über spezifische Muster und Interaktionsprozesse aufrechterhalten. Interventionen, welche auf diese Muster günstig einwirken, lösen Veränderungen aus und tragen zur Problemlösung bei.

Psychotherapeutische Haltung

Systemisch ausgerichtete, BeraterInnen und SupervisorInnen gehen von der Autonomie der Rat- und Hilfesuchenden aus und betrachten diese als „Experten und Expertinnen ihrer selbst“. Dabei wird das individuelle Erleben der Einzelnen als subjektive Verarbeitung ihrer lebensgeschichtlichen, affektiven und kognitiven Beziehungserfahrungen verstanden.

Zentrales Arbeitsmittel ist der öffnende Dialog. Dem Klienten gegenüber bemüht man sich um eine Haltung des Respekts, der Unvoreingenommenheit, des Interesses und der Wertschätzung bisheriger Lebensstrategien.

Respekt vor der Autonomie der Klienten, Neutralität und Neugierhaltung, Zuhören, Nutzung vorhandener Ressourcen und Kompetenzen sind Haltungen, die die Beziehungsgestaltung in der systemischen Therapie prägen.

Im therapeutischen und beraterischen Bereich orientiert sich systemische Praxis am Anliegen der Klienten und verzichtet auf normative Zielsetzungen und Pathologisierungen. Sie verfolgt gemäß ihrem theoretischen Ansatz weder das Ziel die Probleme diagnostisch zu erkunden und zu klassifizieren, noch sie kausal zu verändern. Sie versucht, im Dialog mit den Betroffenen Beschreibungen zu entwickeln, die die Möglichkeiten aller Beteiligten, wahrzunehmen, zu denken und zu handeln, erweitern. Systemische Praxis sucht nach Bedingungen, mit deren Hilfe die Klienten ihre Ressourcen aktivieren können, um in Selbstorganisation zu ihren Zielen gelangen zu können.

Methoden

Die Methoden der systemischen Psychotherapie sind vielfältig. Dazu zählen das zirkuläre Fragen, der selbstreflexive Dialog, der Einsatz von Beobachterteams und Teamreflektionen, die Arbeit mit visualisierenden Techniken wie Familienskulpturen und Aufstellungen, die Anregung von „“Hausaufgaben“, Abschlussinterventionen, Rituale, Externalisierungen, Metaphern sowie die „Neuschreibung“ der eigenen Lebensgeschichte.

Setting

Systemische Psychotherapie ist insbesondere in lösungsorientierten Richtungen tendenziell Kurzzeittherapie, Einzeltherapien werden durchaus auch als längerfristig vereinbart. In Übereinstimmung mit den am Therapieprozess Beteiligten können um zusätzliche Perspektiven und Ressourcen zu gewinnen auch andere Bezugspersonen in den Prozess einbezogen werden, wie Angehörige, Lehrer, oder psychosoziale Helfer.
Systemisches Handeln findet Anwendung in der Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien, Gruppen und Institutionen sowohl im klinischen als auch in anderen professionellen Bereichen, wie (Organisations-) Beratung, Supervision, Fort- und Weiterbildung.

Key words:

  • Wertschätzung der Person

  • Achtsamkeit für Kompetenzen und Fähigkeiten der KlientInnen

  • Probleme in Beziehungszusammenhängen betrachten

  • Ressourcen- und Lösungsorientierung

  • Konstruktivistische Grundhaltung

Quelle: ÖAS