Abhängigkeit

photo_abhaengigkeitenViele Menschen sehen sich nicht in der Lage, ihre Beziehung zu beenden, obwohl sie sich bewusst sind, wie schädlich die Beziehung für sie ist. Obwohl sie überzeugt davon sind, dass es besser wäre, die Beziehung zu beenden, sind sie unfähig dies wirklich zu tun. Sie betrügen sich selber und finden „gute“ rationale Gründe, diesen Schritt nicht zu tun. Sie verdrehen oft Tatsachen um, um damit andere, tiefer liegende Gründe zu verdrängen.

Oder sie täuschen sich durch tief verwurzelte Überzeugungen, die sich der Logik widersetzen: z.B. „Wenn ich ihn verlasse, werde ich für immer allein sein“, oder: „Es ist meine Bestimmung, Geliebte zu sein“, usw. .

Anzeichen für Abhängigkeit

1. Ein Kennzeichen von Abhängigkeit ist ein zwanghafter Trieb etwas zu tun. Per Definition bedeutet das, dass die Freiheit eingeschränkt ist. Genauer bedeutet es, dass man an einer Beziehung festhält, obwohl das eigene Urteil oder das anderer sagt, dass die Beziehung schlecht für jemanden ist und keine Besserung in Sicht ist. „Freiheit“ ist aber wichtig für eine gute Beziehung und für aufrichtige Liebe.

„Der Alkoholiker oder der Drogenabhängige fühlt sich zur Abhängigkeitssubstanz getrieben, selbst wenn er weiß, dass sie schlecht ist für ihn. Und wenn in einer Beziehung ein starkes abhängiges Element existiert, hat man das Gefühl: ‚Ich muss diese Person haben, und ich muss mit dieser Person verbunden bleiben, selbst wenn die Beziehung schlecht für mich ist'“ (Halpern, 1984, S. 13).

2. Panikgefühle sind ein weiteres Kennzeichen. Panik, die bei möglicher Abwesenheit des Partners aufkommt. Wie Alkoholiker Panik verspüren, wenn kein Alkohol greifbar ist, so empfinden Menschen in einer abhängigen Beziehung unglaubliche Panik, wenn sie an den Abbruch der Beziehung und die damit verbundene Abwesenheit des Partners denken.

3. Ein weiteres Kennzeichen sind die Entzugssymptome. Die Panik, die sich bei dem Gedanken an die Beendigung der Beziehung einstellt ist nichts gegen die Niedergeschlagenheit, die eintritt, wenn dieser Schritt tatsächlich vollzogen wird. Oft empfinden Betroffene dabei auch körperlichen Schmerz (Brust, Magen und Bauch reagieren besonders), und es treten häufig Schlafstörungen auf.

Hintergründe von Abhängigkeit

„Hinter all diesen Reaktionen und den im wesentlichen ähnlichen Abhängigkeitsformen – sei es nun von einer Substanz oder von einer Person – steht das Gefühl der Unvollständigkeit, Leere, Verzweiflung, Trauer, des Verlorenseins und die Überzeugung, nur durch die Verbindung zu irgend etwas oder zu irgend jemandem außerhalb der eigenen Person Heilung und Vervollständigung der eigenen Person finden zu können. Dieses Etwas oder dieser Jemand wird zum Mittelpunkt des Daseins, und man ist bereit, sich sehr viel Schaden zuzufügen, nur um die Beziehung aufrechtzuerhalten“ (Halpern, 1984, S. 14).

Abhängigkeit muss aber nicht zwingend etwas Negatives sein. Es ist ein Unterschied zwischen dem positiven Gefühl jemanden zu brauchen, oder davon beherrscht zu sein, ohne die andere Person nicht leben zu können. „Dadurch wird ein innerer Zwang geschaffen, der uns einiger wesentlicher Freiheiten beraubt: der Freiheit, das Beste in uns in einer Beziehung zu zeigen: der Freiheit, die andere Person aus eigener Wahl und liebevoller Bindung heraus zu lieben statt durch unsere eigene Abhängigkeit dazu gezwungen zu sein; und der Freiheit zu wählen, ob wir mit dieser Person zusammenbleiben oder sie verlassen wollen“ (Halpern, 1984, S. 14).

Die Wurzeln der Abhängigkeit: Hunger nach Zuneigung

Es gibt eine Ebene der Gefühle und Motive. Diese Ebene hat sich bereits in der in der frühen Kindheit entwickelt und ist überwiegend unbewusst wirksam. Hier entsteht auch das Phänomen des Hungers nach Zuneigung. Dieser Hunger nach Zuneigung ist die Grundlage für die Abhängigkeit von einer anderen Person. Diese unbewusst wirkende Kraft kann so mächtig sein, dass sie die praktischen Erwägungen, dass die Beziehung schädlich für die eigene Person ist, völlig unterdrücken.

Der Ursprung des Bedürfnisses nach Zuneigung lässt sich am Ablauf der kindlichen Entwicklung nachvollziehen. Jeder Mensch ist als Säugling hilflos und auf andere angewiesen, die das Überleben und Wohlbefinden sichern. Die Art und Weise wie die nahe Bezugsperson (meistens die Mutter) auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht (oder auch nicht eingeht), hat eine bedeutsame Wirkung auf die Beziehungsfähigkeit des Erwachsenen. Aus fehlender Zuneigung in der Kindheit kann ein ständiger Zuneigungshunger bis in das Erwachsenenalter hinein resultieren. Es kann aber auch zu einem bleibenden Zuneigungshunger kommen, wenn die Eltern das Kind nicht in die Unabhängigkeit entlassen wollen. Die Bereitschaft der Eltern, dem Kind bei seinem Loslösungsprozess zu helfen, ist ausschlaggebend für die Entwicklung seiner Autonomie (es muss das Gefühl haben, auch noch von seinen Eltern geliebt zu werden, wenn es sich entfernt, was wichtig ist, um später in einer Beziehung das nötige Vertrauen zu haben, dass man vom Partner noch geliebt wird, auch wenn dieser nicht anwesend ist).

Der Wunsch nach einer Symbiose mit einem anderen Menschen, der dem Zuneigungshunger zugrunde liegt, kann auch sehr angenehm und Glück bringend sein. Es ist anscheinend ein tief verwurzelter und mächtiger Wunsch. „Aber wenn auch jeder eine solche Sehnsucht zu haben scheint, wird doch nicht jeder abhängig von anderen Menschen. Die Gefühle auf der Ebene des Zuneigungshungers werden nur dann einen Menschen in die Abhängigkeit führen, wenn sie so stark sind, dass sie seine Fähigkeit, in seinem eigenen Interesse zu handeln, unterdrücken“ (Halpern,

Quelle: http://www.beratung-therapie.de